12.05.2018

Muttertag und die Nähszene

Ihr Lieben!
Einen Tag vor Muttertag muss ich noch schnell einen Post verfassen, der mir schon lange auf der Seele brennt. In den letzten zwei Jahren hat sich die sogenannten DIY- oder Kreativszene sehr verändert. Als ich anfing und die "Boerlinerin" geboren wurde, per Blog und FB-Seite Posts zu veröffentlichen - anfangs mehr zu meinen eigenen Arbeiten, später aber auch immer wieder mit Sicht auf andere tolle Nähmädels & -jungs - war es noch recht kuschlig und fast familiär in der Runde; der Kreis der Ebookersteller eher klein. Ab und an mal ein zickiges Wort, aber im Großen und Ganzen herrschte Eintracht, auch unter uns Kollegen, zumindest meistens und wenn nicht, wurde sich konstruktiv damit auseindergesetzt. Die Probenäh- und andere Nähgruppen waren einfach toll, meine "Mädels" harmonierten wunderbar. Ende 2015, Anfang 2016 habe ich mich dann ein wenig zurückgezogen, da mein reales Leben beruflich vorging und ich im Familienunternehmen mitgearbeitet habe. Jetzt habe ich wieder Zeit, denn die Chaostheorie wurde verkauft, in neue Hände gegeben. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn leider hat sich herausgestellt, dass die Nachfolger doch nicht so kompetent und zuverlässig sind, wie sie sich bei den Verhandlungen dargestellt haben. Aber das ist ein anderes Thema, wozu meine Tochter und auch ich noch ausführlicher etwas sagen werden.

Meine Facebookseite blieb bestehen, auch der Blog, nur die Themen waren teilweise anders. Meine Affinität zu den Social-Media-Kanälen habe ich mir natürlich erhalten und immer mal wieder durch die Gruppen, Seiten, Youtube und Blogs gestöbert. Und mir ist eines aufgefallen: der Ton ist vollkommen anders geworden. Nicht überall, aber doch bei Einigen. Es gibt noch viele seriöse und tolle Kolleginnen, die ihr Handwerk professionell ausführen und die ich selbst auch wirklich sehr bewundere für ihre Arbeit! Deren Schnitte ich auch selbst kaufe und nähe, weil sie mir einfach gefallen und ich von ihrer Arbeit überzeugt bin. Aber mich hat auch erstaunt, dass ich Videos gefunden habe, wo öffentlich von den Filmchenmacherinnen Kunden und Fans regelrecht beschimpft und verunglimpft wurden (kann man dann wirklich noch Geld mit seinen Arbeiten verdienen?!?), Kolleginnen nicht mehr Kolleginnen, sondern erbitterte Konkurrentinnen sind und sich teilweise Schmutzkampagnen durch die Nähgruppen ziehen, wovon man vor 6 Jahren nicht zu träumen wagte. Wo aus ehemaligen "Nähmuttis" mit sehr geringen oder fast gar keinen Nähkenntnissen und ohne Näh- bzw. Schneiderausbildung oder ähnlichen beruflichen Fähigkeiten mit einmal "Designer" wurden, die sich auch so titulieren und ihre Werke im Netz für teures Geld verbreiten. Mehr schlecht, als recht, aber sie werfen ihre Schnitte unter die Leute. Ok, raus kam dabei nichts weltbewegendes, nichts, was es nicht schon irgendwo im Netz gab, aber ich war doch sehr erstaunt und verwirrt.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Lehrjahre bei einer Schneidermeisterin, die hohe Ansprüche hatte und uns mit ihren Aufgaben teilweise in den Wahnsinn getrieben hat. Keine leichte Zeit, aber es hat sich wirklich gelohnt. Akkurates Arbeiten, ein genaues Auge, Stoffkunde, Nähtechniken, Nahtzugabe, Abnäher und vieles andere mehr, ist es doch eine Basis, auf die ich aufbauen konnte, denn ich weiß, wovon ich rede/schreibe. Ich bin lange nicht perfekt, das weiß ich selbst, aber ich verstehe mein Handwerk. Und nur weil ich mich größtenteils zurückgehalten habe, nicht den Megastore eröffnet, die beste und schönste Webseite habe und nicht jeden Mist kommentiere, heißt das noch lange nicht, dass mir alles gefallen hat, was passiert ist. Und dass ich es gut heiße, wenn Menschen im Netz beschubst werden. Im Gegenteil. Ich finde die Entwicklung furchtbar. Und teilweise tun mir z.B. die Nähanfänger total leid, denn sie werden absolut verwirrt von dem Überangebot und lernen Dinge, die manchmal sogar richtig falsch sind.

Lange überlege ich schon, ob ich nach der großen Pause überhaupt wieder in diese "Branche" zurückkehren möchte, ob ich mir dieses neue "Gefühl" antun möchte. Ich habe damals mich an eine Gruppe von Menschen gewandt, die lange Zeit im Schnittbereich ein Nischendasein fristete: Menschen mit ein paar mehr Pfunden auf den Hüften, Menschen wie du und ich. Meine Maßtabellen sind nicht irgendwo gekauft oder aus dem Netz gezogen, sondern diese Maße wurden von mir persönlich gesammelt bei über 60 Personen, die sich oder ihren Mann vermessen haben und daraus habe ich dann größenangepasst einen Mittelwert für jedes nötige Maß errechnet und darauf meine Schnittmuster aufgebaut. Es war viel Arbeit und die Basis für mein Tun. Es hat sich gelohnt und ich bin den Menschen, dir mir damals geholfen haben, immer noch sehr dankbar!

Hier schlummern noch einige seinerzeit angefangene Schnittmuster auf der Festplatte. Projekte, die ich nicht vollenden konnte, weil ich woanders gebraucht wurde. Ich hadere mit mir! Soll ich oder soll ich nicht? Seit Tagen denke ich darüber nach und werde mir noch bis zum Sommer Zeit geben. Ich schaue nicht nach rechts und links, was die Anderen machen (hab ich übrigens noch nie gemacht), sondern konzentriere mich auf das, was ich kann und bewirken möchte. Schnittmuster für Basics, die auch in Gr. XXL oder 4XL noch wunderbar tragbar sind. Die passen und mit denen sich Frauen und Männer Kleidung auf ihre tolle Körpern schneidern können. Mode ist ein Lebensgefühl, das nicht nur einer kleinen Minderheit, die in Standard-Konfektionsgrößen perfekt reinpassen, vorbehalten bleiben sollte. Sondern Mode und Kleidung ist ein Thema für Alle!

In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes Wochenende und allen Muttis harmonische Stunden mit euren Lieben!
Muttertag 13.05.2018 - alles Liebe eure Boerlinerin

Eure Boerlinerin 💋